Das Bali des kleinen Mannes

vomdorfdahoam

Mein Instagram-Feed schwappt derzeit über vor Urlaubsfotos aus Bali. Oder auch „Bahli“ oder „Balli“ wie Gerhard Polt so schön sagen würde. Denn das ist derzeit ein sehr beliebtes Reiseziel, wenn man den Social-Media-Kanälen Glauben schenken mag. Auch ich hatte lange Zeit den Drang oder besser gesagt den Zwang verspürt, mich auf die indonesische Insel begeben zu müssen…

Weil das hippe Leute eben machen und man sich dort laut „Eat, Pray, Love“ offenbar selbst findet. Doch seit letztem Oktober ist alles anders. Schließlich wohne ich seitdem im „Balli“ des kleinen Mannes und will von dort gar nicht mehr weg. Ich habe mich quasi selbst (wieder)gefunden. In Giesing.

Raus in die Natur. Oder nach Grünwald

Schließlich dreht sich in Giesing gefühlt die Welt ein bisschen langsamer, gemütlicher. Eine wahre Wohltat für meine niederbayerische Seele, die von Schnelligkeit schnell überfordert ist. Außerdem sind die Kneipen und Cafés sind nicht ganz so überfüllt und angesagt wie die im Glockenbachviertel, Schwabing oder wo man eben sonst so als Münchner hingeht. Die Isar ist trotzdem nah und der Perlacher Forst auch. Wenn man will, kann man von Giesing aus wie auf Bali schnell in die Natur flüchten. Oder mit der Tram 25 nach Grünwald, um ein bisschen was von der berühmten reichen Münchner Luft zu schnuppern…

Seit ich in Giesing wohne, fühle ich mich in München, Minga, der bayerischen Landeshauptstadt richtig zuhause. Davor hat es sich immer so angefühlt: „Mei, ich bin halt hier wegen der Arbeit, aber eigentlich würde ich gerne eine Alpakafarm in Niederbayern eröffnen…“ Woran ich mein neues Zuhause-Gefühl fest mache? Erstens: Ich bewege mich nur noch selten aus meinem Stadtviertel hinaus. Höchstens in die Arbeit ins ungentrifizierbare Ramersdorf oder wenn größere Besorgungen rufen, die einen Gang in die Innenstadt erzwingen. Zweitens: Ich habe nicht mehr so oft das Bedürfnis aus der Großstadt ins ländliche Niederbayern flüchten zu müssen. Aus dem Paradies Bali will man ja schließlich auch nicht weg…

Doch oh weh – hier verbirgt sich auch der Haken an der Sache! So wie Bali von Touristen überflutet wird, ist auch Giesing durchaus gentrifizerbar. Denn auch der Münchner Stadteil wird überflutet. Die Definition von Gentrifizierung lautet: ein sozioökonomischer Strukturwandel bestimmter großstädtischer Viertel im Sinne einer Attraktivitätssteigerung. Der Begriff wurde in den sechziger Jahren von der britischen Soziologin Ruth Glass (1912 – 1990) geprägt, die Veränderungen im Londoner Stadtteil Islington untersuchte. Man merkt es an den Ecken des Viertels, an denen neue schöne Cafés und Kneipen eröffnen, an der häufigen Nennung im Kräftner-Budenschleuder-Newsletter und einigen weiteren Faktoren

Und doch regt sich in Giasing, der Heimat der Sechzger, noch der Widerstand… Das Stadion inmitten von Wohnhäusern, der U-Bahn-Fahrer, der grantig „Nächster Hoid, Giasing“ in sein U-Bahn-Fahrer-Mikrofon grantelt oder wichtige Inititativen wie Heimat Giesing, die sich gründete als das „Uhrmacherhäusl“ – ein geschützes Baudenkmal in Giesing – illegal abgerissen wurde. Ihre Forderung: der Wiederaufbau des ursprünglichen Baukörpers. Laut eines aktuellen Berichts der „Süddeutschen Zeitung“ ist dies allerdings aufgrund der zu sehr zerstörten Überreste nicht mehr möglich.

Kleiner Exkurs

Im Gespräch mit einem Bayern-Fan darfst du das Sechzger-Stadion im Übrigen nie Sechzger-Stadion nennen, da frisst der dich. Deswegen gewöhnt man sich im Sprachgebrauch deswegen besser an, vom Grünwalder Stadion zu sprechen. Damit sind alle glücklich.

Zurück zum Thema.

In diesem Zusammenhang: Eine Buch-Empfehlung

Wer Giesing genauso liebt wie ich, dem kann ich dieses Buch nur wärmstens ans Herz legen: „Hubsi Dax“ von Benedikt Feiten. Es ist die Geschichte eines Gitarrenlehreres, der eigentlich berühmt werden wollte, und aus der Not heraus im Kampf gegen die Gentrifizierung eine alte bayersische Wirtshauslegende erfindet. Ich habe sehr gelacht bei der Lektüre dieses Buchs. Daraus stammt der grandiose Satz: „Ramersdorf ist ungetrifizierbar“. Ein geflügeltes Wort, an das ich immer denken muss, wenn ich am Karl-Preis-Platz aus den Tiefen der U-Bahn dem Tageslicht entgegensteige…

Ein wunderbares Buch für dunkle Wintertage. Am 7.12.2016 findet die Buchpremiere in der Favorit Bar in München statt. Worum es geht? Der Gitarrenlehrer Mark lebt mit seiner Frau Ida und der gemeinsamen Tochter Maja im Münchner Stadtteil Giesing: ein harmonisches Leben in einem Flow zufriedener Ambitions­losigkeit. Als aber das Haus, in dem er lebt, Luxuswohnungen weichen soll, wächst Trotz in ihm. Um die wenigen verblie­benen umzugsunwilligen Mieter zu vertreiben, denkt sich der Eigentümer immer neue Schikanen aus. Mark entschließt sich, den hausinternen Widerstandsgeist zu wecken und dem Vermieter entgegenzutreten. Der legendäre Hubsi Dax muss helfen. #benediktfeiten #hubsidax #buchpremiere #volandquistpräsentiert #volandundquist

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Text & Foto: Theresa Bergbauer

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