Jeder braucht ein Dirndl – aber warum eigentlich?

vom dorf dahoam

Ohne Tracht auf die Wiesn? Heutzutage eine Todsünde, doch das war nicht immer so…

Unterhält man sich mit der älteren Generation über die Wiesn und andere Volksfeste, kann man fest damit rechnen, dass irgenwann folgender Satz fällt: „Also früher war des überhaupt ned so, dass alle in Tracht higanga san… da is ma sogar eher komisch ogschaut worden.“ Heute wird man im Bierzelt eher „komisch ogschaut“, wenn man sich nicht in sein Dirndlgwand oder die Lederhosen schmeißt und stattdessen in Jeans und T-Shirt dort auftaucht. Aber woher kommt dieser Wandel?

Dass es nicht schon seit Anbeginn der Zeiten modern ist, sich in Dirndl, Lederhosen und Janker auf die Bierzeltbank zu stellen, zeigt diese kurze und informative Dokumentation des Bayerischen Fernsehns – und die unterstreicht deutlich: Erst zu Beginn der Jahrtausendwende war Tracht auf der Wiesn plötzlich in!

Wer sich die Dokumentation ganz angesehen hat, weiß nun außerdem:

Einer der größten Irrglauben in Bezug auf die Trachtenmode ist, dass das Dirndl ursprünglicher Weise die Bekleidung für arme Bauersfrauen war. Falsch gedacht: Es ist zwar an die Kleider der Mägde vom Land angelehnt, allerdings ist das Dirndl, wie wir es heute kennen, aus einer Modeerscheinung heraus entstanden.

Denn die reichen Städterinnen wollten bei ihrer Sommerfrische, echtes Landleben erleben und dachten sich als modische Konseqzenz dazu das Dirndlgwand in allen möglichen Variationen aus. Die Vintagedirndl, mit dem wir heute so gern auf Volksfeste aller Art und die Wiesn im Besonderen gehen, sind deswegen genauso wenig traditionsbehaftet wie die Billig-Dirndl, die heute von jeder größeren Bekleidungskette an die Frau gebracht werden wollen.

„Tracht ist nichts anderes wie eine Idee, ein Konstrukt“, erklärt Experte Alexander Wandinger vom Trachten-Informationszentrum in Benediktbeuern in oben verlinktem Video. „Es gibt nicht das echte Dirndl, es gibt einfach ein Dirndlgewand. Und Dirndl heißt einfach nur, Oberteil und Rock zusammengenäht, Schürze dazu, Bluse und fertig“, lautet die Definition des Experten. Aha, wieder was gelernt!

Wer sich also im Festzelt über die billigen Dirndl der Tischnachbarn aufregt, kann sich ganz schnell wieder abregen. Da ist der Bierpreis von knapp elf Euro (!) ein angemessenerer Grund zum grantig sein. Aber das ist eine andere Geschichte… Zurück zum Thema: Das Dirndlgwand an sich ist also etwas sehr Einfaches. Ohne viel Tamtam und Chichi. Merksatz: Ein Rock, ein Oberteil, eine Schürze und eine Bluse. Ein Dirndl schmeichelt einfach jeder Frau, heißt es.

Doch ein Blick auf die Vergangenheit zeigt: Tracht ist kein Muss. In Jeans und T-Shirt steht es sich auf der Bierbank genauso gut. Wer sich nicht „verkleiden“ will, hat also das gute Recht, es nicht zu tun. Man muss schließlich nicht mit jeder Mode gehen. In diesem Sinn, ein Prosit der Gemütlichkeit!

Foto: Theresa Bergbauer

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