Höflichkeit, quo vadis?

vomdorfdahoam

Ich habe heute einen Fehler gemacht. Ich hab mich in der U-Bahn nämlich auf einen freien Platz gesetzt.

Ich war in Gedanken, hab mich über den stressigen Arbeitstag geärgert und hatte zudem zum ersten Mal seit Langem wieder hohe Schuhe an. Ich war froh, einen Sitzplatz in der ziemlich vollen U-Bahn  vom Sendlinger Tor zum Harras ergattert zu haben…

…bis mich eine sehr harsche Frauenstimme von hinten angeherrscht hat, was mir eigentlich einfalle, mich hinzusetzen. Neben der harschen Frauenstimme stand eine alte, kleine, zierliche Frau mit weißen kurzen Haaren, die ich leider nicht weiter beschreiben kann, weil ich in diesem Moment sehr perplex war. Auch was die große Frau mittleren Alters genau zu mir gesagt hat, als sie mich angeschnauzt hat, weiß ich nicht mehr. Nur das ich mich entschuldigt habe, sofort aufgestanden bin und gesagt habe, dass ich die andere Frau nicht gesehen habe. Worauf ich mir ein empörtes „Das passiert wohl öfter!“ eingefangen habe.

Im nächsten Moment, als die böse Schnauz-Frau ausgestiegen ist und sich die alte Dame auf meinen Platz gesetzt hat, hab ich mich geärgert – so geärgert, dass mir vor Wut beinahe die Tränen gekommen sind. Erstens über die Frau, die vermutlich ihren gesamten Frust auf die verkommene Jugend an mir ausgelassen hat, und zweitens über mich selber. Dass ich nicht schlagfertig genug, war die Frau in ihre Schranken zu weisen. Wie der Mann neben mir, der mir der zur Seite gesprungen ist und bei dem ich vergessen habe, mich zu bedanken. Vielen Dank unbekannter Weise! Er hat der Frau nämlich gesagt, dass sie nicht so von oben herab benehmen soll und das ihr Verhalten unmöglich sei.

Ich bin mir sicher, dass die Frau mittleren Alters sich im Recht gefühlt hat, mich anzuschnauzen. Sie hat einen jungen Menschen gesehen, der sich einfach auf einen leeren Platz in einer U-Bahn gesetzt hat. Sie hat sofort ihr Urteil gefällt und beschlossen, ich sei ein verkommener Mensch. Dass ich mit dem Rücken zum Eingang saß und sie und die alte Frau wirklich nicht in meinem Blickfeld waren, hat sie nicht bedacht. Und auch dass mir ihre Anschuldigung sehr nahe gegangen ist, wird nie zu ihr durchdringen, da die Frau gleich nach ihrer Schimpftirade ausgestiegen ist.

Ich bin mir sicher, dass sie heute Abend vor dem Fernseher der Meinung sein wird, eine gute Tat vollbracht zu haben. Doch, was sie dabei vergessen hat, ist, dass man eigentlich gute Taten mit Höflichkeit und Respekt vollbringt. Man muss einen jungen Menschen nicht anschnauzen, nur weil er sich in der U-Bahn auf einen freien Platz setzt. Man kann ihn stattdessen höflich darum bitten und ich bin mir sicher, dass der junge Mensch in der Regel gerne aufstehen wird und dem alten Menschen seinen Sitzplatz überlässt.

In den meisten Fällen lächelt man sich dann zu und wünscht sich noch einen schönen Tag. Vergisst man die Höflichkeit, wird die eigentlich gut gemeinte Tat nur zur schlechten Erinnerung für alle Beteiligten. Und das will ja eigentlich keiner. Sollte man zumindest meinen…

Foto: Theresa Bergbauer

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